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Momentaufnahme: 48 Stunden trampen - nach Italien

Oder: Der normal-verrückte Alltag eines Daumenreisenden

Cale | | Reisen

Du hast dich schon immer gefragt, wie das Leben eines Trampers - mit seinen guten und schlechten Seiten - aussieht? In dieser Momentaufnahme nehme ich dich hautnah mit auf eine Reise, die in nur zwei Tagen von Leid über Freud zahlreiche Aspekte des Backpacker-Alltags abdeckt.

1. Etappe: Digitale Dolmetscher & russischer Schnapps

Die größte Herausforderung beim Trampen ist immer, auf kleinen Straßen zur Autobahn bzw. von der Autobahn weg zu kommen. Deshalb bin ich froh, dass mich ein guter Freund aus der Heimat zum nächsten Parkplatz auf der A72 bringt. Es ist gegen 13 Uhr, als ich ankomme - die Sonne scheint, und der Parkplatz ist für seine geringe Größe relativ gut besucht.

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht spreche ich die vorbeiziehenden Menschen an: “Fahren Sie weiter auf der A72, bis mindestens Plauen?” - dort wird die nächste Raststätte kommen. Die allermeisten, die auf dem Parkplatz halten, sind bis unters Dach vollgepackt - auf den Weg in den Urlaub.

Zwischen den verschiedenen Parkbuchten hin- und herlaufend, verbringe ich eine gute Stunde auf dem Parkplatz, bis mir ein junges Pärchen, etwa Anfang 20, entgegenkommt: Auf meine Frage entgegnen sie zimperlich und fast beschämt “Englisch, please?”. Die zwei kommen aus Russland und sind gerade auf ihrem ersten Eurotrip. Während der junge Mann kein Wort Englisch spricht, versucht das Mädchen, mit Wortbrocken mir zu signalisieren, dass ich mitfahren darf und sie sich über die Begegnung freuen. Ich bin happy, und steige ein.

Im Auto frage ich nach ihrer konkreten Strecke. Die junge Russin greift verlegen nach ihrem Smartphone, öffnet die Google-Translator-App und gibt etwas in kyrillischen Buchstaben ein. Darunter erscheint mit kurzer Verzögerung: “We are going to Nuremberg and then towards Frankfurt.” - schon verrückt, wie einfach wir heutzutage Sprachbarrieren überwinden können.

Ich weiß also, dass ich bis nach Nürnberg mitfahre und schaue auf meiner Offline-Karte nach dem richtigen Rastplatz, an dem ich aussteigen will. Mithilfe der Übersetzer-App führen wir noch ein bisschen Smalltalk über ihre Autofahrt, ihr Leben in Russland und Yoga. Dann bestehen die beiden darauf, dass ich von dem Schnapps koste, den sie dabei haben. Es handle sich um ein typisches russisches Nationalgetränk - leider vergesse ich den Namen sofort wieder. Der saubere aber herbe Kräutergeschmack des Schnapps habe ich dagegen bis heute noch im Gedächtnis. Alkohol am Nachmittag ist eigentlich gar nicht mein Ding, aber hier geht’s ja um Kultur: Ich nippe zumindest kurz an dem Fläschchen.

Wenig später werde ich immer müder, möchte aber nicht einschlafen, um die Raststätte nicht zu verpassen. Trotzdem kommt es so: Als ich wieder aufwache und mit dem GPS nachvollziehe, wo wir sind, haben wir meinen gewünschten Ausstiegsort bereits passiert. Also fahren wir an dem nächsten Parkplatz raus - immer noch besser als abseits der Autobahn, aber weniger erfolgsversprechend als ein großer Rasthof.

Beim Verabschieden umarmen wir uns herzlich, und die beiden drücken mir noch die kleine Flasche Kräuterschnapps in die Hand. Nette Leute.

2. Etappe: Mal wieder Kind sein

Auf dem Parkplatz angekommen, gehe ich mit Shanti eine kleine Runde, bevor ich mir einen Apfel gönne. Währenddessen kommen zwei Teenager-Jungs zu mir und reichen mir mit den Worten “Das haben wir noch über” zwei belegte Sandwiches, eine Gurke und eine Flasche Saft. Ich freue mich und nehme das Geschenk dankend an. Eines der Sandwiches verputze ich sofort, und bin nun höchstmotiviert weiterzukommen.

Nach ca. 20 Minuten werde ich eingesackt von einem Pärchen, mit starkem Berliner Dialekt, etwa Mitte 40. Sie sind mit ihrer 10-Jährigen Tochter auf den Weg in den Urlaub nach Kroatien. In dem sporadisch zum Camper ausgebauten Transporter mache ich es mir hinten im Wohnraum auf dem Boden bequem. Das kleine Mädchen liegt auf dem Bett und schläft bald ein, Shanti ist beim Autofahren sowieso immer in Schlafmodus - und ich bin nach wie vor müde. Da ich weiß, dass ich bis zum Abend mitfahren werde, lege ich mich guten Gewissens hin, mein Halstuch als Kopfkissen und meine Jacke als Zudecke.

Als ich wieder aufwache, knapp zwei Stunden später, fahren wir gerade auf einen Parkplatz zur Rast. Ich bin noch total verschlafen, als die Frau über ihre Schulter nach hinten grinst: “Guten Morgen, Kinder!”. Und tatsächlich, für einen kurzen Moment fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt - die langen Autofahrten IN DEN uRLAUB, bei denen die “Großen” sich um alles gekümmert habe. Zum Glück habe ich meine Ungeduld von damals durch Gelassenheit ersetzen können. Ich habe es überhaupt nicht eilig, und ich bin glücklich.

Kurz vor Sonnenuntergang lassen die beiden mich dann raus, da sie sich einen Schlafplatz für die Nacht suchen wollen. Ich bin mittlerweile in der Nähe vom Chiemsee, auf der letzten Raststätte auf der A8 vor der österreichischen Grenze, ca. 30 Kilometer vor Salzburg. Sehr zufrieden mit dem Tag verlasse ich die Raststätte, die nach hinten über eine kleine Straße mit dem nächsten Dorf verbunden ist. Ich laufe etwa zehn Minuten, bis ich ein kleines Waldstück, umringt von unbestellten Feldern, erreiche. Hier werde ich die Nacht verbringen.

Ich fange gerade an, mein Zelt aufzubauen, da rast Shanti wie angestochen los. Seit neuestem gerät der verrückte Vierbeiner öfters in Jagdlaune - diesmal wahrscheinlich ein Reh. Ich rufe, aber vergeblich. Er verschwindet im Gebüsch. Das Problem: Seinen Rucksack, den er auf dieser Reise zum ersten Mal trägt, hat er noch auf dem Rücken.

Eine gute halbe Stunde dauert es, bis er hechelnd zurückgetrottet kommt. Einen seiner Fressnäpfe hat er verloren, und zwei von drei Rucksack-Halterungen sind gerissen, sodass der kleine Backpack fast auf dem Boden schleift. Um ein Haar wäre nicht nur die Tasche selbst, sondern auch 3,5 kg Hundefutter verloren gegangen. Naja, so habe ich eben eine Aufgabe für den Abend: Rucksack nähen.

Bevor ich mich an die Arbeit mache und dann beizeiten ins Bett falle, genieße ich noch den wunderschönen Anblick der Alpen im leuchtend-roten Licht der untergehenden Sonne, während in der Ferne ein Gewitter mit zahlreichen Blitzen zu dem Spektakel beiträgt. Was für ein magischer Moment.

3. Etappe: Scham, Musik und Polizei

Bevor ich am nächsten Morgen wieder zurück zur Raststätte laufe, tolle ich noch wild mit Shanti auf dem Feld herum. Danach bemerke ich einen losen Hautfetzen auf meiner Nase, den ich abziehe und nicht weiter beachte.

Als ich die potenziellen Mitfahrgelegenheiten anspreche, fällt mir schnell auf, dass mir jeder - wirklich jeder - zuerst auf meine Nase starrt. Ein Blick in eine reflektierende Scheibe erklärt einiges: Etwa 1cm² meiner Nase ist komplett offen, das glänzend-feuchte “Fleisch” sieht eher nach Krankheit als nach Verletzung aus. Obwohl sonst so selbstbewusst und direkt, fühle ich mich plötzlich unsicher und unansehnlich.

Ob nun durch die Verletzung oder mein schwindendes Selbstbewusstsein - es dauert eine ganze Weile, bis ich einen Ride bekomme. Ein Professor für amerikanische und britische Kultur, unterwegs mit seiner Frau, nimmt mich mit bis ins Herzen Österreichs. Auf meine Frage nach meinem äußeren Auftreten entgegnet die Frau: “Ich muss zugeben, ich habe auch gleich auf die Nase geschaut. Die Leute denken vielleicht, du hast eine ansteckende Krankheit.

Gegen Mittag verabschieden mich die beiden an einer Raststätte in der Nähe vom Millstätter See, ihrem Reiseziel. So recht in Tramp-Laune bin ich nicht mehr. Da ich es ohnehin nicht eilig habe, mache ich zunächst einen ausgiebigen Spaziergang mit Shanti, esse und trinke etwas und setze mich dann mit meiner Gitarre in die Nähe vom Rasthaus.

Ich verliere mich in der Musik, und spiele knapp zwei Stunden ununterbrochen - einige Rainbow-Lieder (wie “Mashallah” oder “Pacha Mama, I’m coming home”), konventionelle Songs (z.B. “Roulette” von System of a Down) und improvisierte Melodien. Ich möchte kein Geld verdienen, also habe ich auch kein Tuch vor mir ausgebreitet. Trotzdem drücken mir vereinzelt Leute ein paar Euro in die Hand oder geben mir kleine Snacks zur Stärkung. Bald wird es mir zu viel Trubel, und ich verziehe mich in eine ruhigere Ecke des Parkplatzs - ein Schild mit der großen Aufschrift “ITALY” stets dabei. Zwischendurch spreche ich immer mal wieder Fahrer an, aber niemand fährt in meine Richtung, dessen Auto nicht voller Reisegepäck ist.

Mittlerweile habe ich etwa vier Stunden auf dem Rastplatz verbracht, als ein Polizeiwagen zu mir herangerollt kommt: “Sie wissen, dass Trampen auf österreichischen Autobahnen verboten ist?” - “Nein, das war mir nicht bewusst.” - “Ja, das sollten Sie aber wissen.” - “Entschuldigung. Was soll ich denn jetzt machen?” - “Ja, suchen Sie sich schnell eine Mitfahrgelegenheit, sodass Sie hier wegkommen.” - “Alles klar, ich gebe meine Bestes.” - denke mir aber, dass ich das wohl nicht in der Hand habe…

Da ich keine leeren Versprechen geben will, beschließe ich nun, meine Gitarre wegzupacken und tatsächlich gezielt nach Rides zu suchen. Und siehe da: Nach weniger als einer Minute nimmt mich eine fünfköpfige Familie in ihrem Van mit sechs Sitzplätzen mit. Sie fahren nach Italien, und werden mich direkt bis nach Udine bringen. Wow, jetzt geht’s doch schnell!

4. Etappe: Wenn Trampen zur Feier wird

Vor dem Trampen auf kleinen (Land-)Straßen graut es mich immer. Am Straßenrand zu warten, ohne mit den Leuten sprechen zu können, kann schnell langweilig werden. Da eine Hand stets mit gestrecktem Daume auf die Fahrbahn ragt, kann ich mir die Zeit auch nicht mit Gitarrespielen vertreiben. Aber das gehört eben auch zum Trampen dazu.

Noch bevor mein Arm schwer wird, nach etwa 20 Minuten, bekomme ich den ersten Ride. Wenige Minuten später bin ich meinem Ziel 15 Kilometer näher. Noch knapp 50km liegen vor mir.

Nun stehe ich in einem winzigen Dorf, das von alten, relativ gut erhaltenen Häusern im italienischen Baustil dominiert wird. Ich versuche, per GPS herauszufinden, wo ich mich gerade befinde, als von der anderen Straßenseite eine junge Frau aus dem Auto ruft: “Hey, hey!! You want to go Tramonti di Sopra?”. Die Rede ist von einem kleinen Dorf in den Bergen, das tatsächlich mein Ziel ist. Sie sieht es mir wohl an, dass ich zum Rainbow Gathering möchte.

Sie ist Anfang 30, hat ein breites Grinsen im Gesicht und ist voller Euphorie und Vorfreude auf ihr erstes Rainbow Gathering, das sie in ein paar Tagen besuchen möchte. Heute fährt sie nur nach Hause nach Spilimbergo, wohin sie mich freudestrahlend mitnimmt. Wir sind uns von Anfang an sympathisch, und ich bin angetan von ihrer lebhaften Energie.

Kurz darauf in Spilimbergo angekommen, möchte ich an der Landstraße aussteigen, um weiterzutrampen. Aufgrund ihrer schwachen Englischkenntnisse versteht sie mich aber nicht richtig, und besteht daher darauf, mich zu ihren Freunden zu bringen, die ihr beim Übersetzen helfen sollen. Ich lehne dankend ab - aber auch das versteht sie nicht, zum Glück.

Zum Glück deshalb, da ich so auf einer entspannten Feier in einem Kleingarten lande. Insgesamt sind wir knapp 10 Leute im Alter zwischen 25 und 35, zwei Mädels aus Spanien, eine Franzosin und der Rest Italiener. Mir ist die Gruppe auf Anhieb sympathisch, also steht für mich sofort fest, dass ich heute nicht weitertrampe und stattdessen die Nacht hier verbringe - in Spilimbergo, einer hübschen Kleinstadt, gut 30 Kilometer von meinem Ziel entfernt.

Ich bin in guter Stimmung, also spiele ich mit der Gitarre den Alleinunterhalter, bis wir etwa zwei Stunden später gemeinsam zu einer Bar im Stadtkern aufbrechen. Dort werden mir noch zahlreiche Getränke spendiert - jeder will mir seinen italienischen Lieblings-Drink zeigen. Es wird eine lange witzige Nacht mit vielen interessanten Gesprächen, bei denen ich - als Deutscher, als Reisender, als Hippie - meist im Fokus stehe.

5. Etappe: Fortuna liebt mich!

Am nächsten Tag wache ich in der prallen Mittagssonne auf, die mir mit einem Schlag ins Gedächtnis ruft, dass ich ja bereits in Italien bin. Ich verbringe die heißen Stunden am nahegelegenen Fluss und ziehe erst gegen 18 Uhr weiter.

Gerade erst an der kleinen Tankstelle angekommen, von der ich trampen möchte, fährt ein Mann aus der entgegenkommenden Seite zu mir ran. Er steigt aus und fragt mich in gebrochenem Englisch, ob ich genügend zu essen habe, ob ich bei ihm schlafen möchte, ob ich Futter für meinen Hund habe und ob ich Geld brauche. Ich bin überwältigt von seiner Freundlichkeit, lass ihn aber wissen, dass ich mit allem versorgt bin, nur eine Ride in die Berge brauche. Er besteht trotzdem darauf, dass ich 20 Euro (!) als Geschenk entgegennehme, und verabschiedet sich mit einer Umarmung.

Ich habe den Glücksmoment noch gar nicht wirklich realisiert, da ruft und winkt ein junger Kerl, etwa Mitte Zwanzig, vom gegenüberliegenden Supermarkt-Parkplatz. Ich gehe zu ihm und erkläre ihm auf die Frage “Where you go?”, dass ich in die Berge nach Tramonti di Sopra möchte. Der Italiener mit albanischer Herkunft spricht nur wenige Worte Englisch, gibt mir aber zu verstehen, dass ich bei ihm mitfahren kann. Dass er mich die gesamte Strecke bis in die Berge fährt, und er diese Strecke nur wegen mir auf sich nimmt, wird mir erst im Laufe der Fahrt klar. Serpentinenartig schlängelt sich die kleine Landstraße 30 Kilometer weit in die Berge. Eine halbe Stunde sind wir unterwegs, bis er mich auf meinem Wunsch am Flussbett kurz vor Tramonti di Sopra rauslässt. Danach kehrt er um und fährt wieder zurück nach Spilimbergo.

Ich bin überschüttet mit Glücksgefühlen und gerührt von der Freundlichkeit der Menschen, die ich in den letzten 24 Stunden getroffen habe. Tatsächlich läuft es als Backpacker und Tramper öfters so, als dass etwas schiefgeht. Trotzdem bin ich jedes Mal dankbar für derartige Erfahrungen.

Mit diesem Gefühl der Dankbarkeit und Freude genieße ich den Ausblick auf die beeindruckenden Berge, während ich den Abend am Flussufer ausklingen lasse…

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