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De Bereklauw - eine abgefahrene Community in Belgien

Ich besuche 'die Bärenklaue' in der Nähe Brüssels

Cale | | Reisen

Eine freie Community ohne Regeln - jeder kann kommen, mitwirken, sein. So ähnlich wurde mir die Community “De Bereklauw” beschrieben. Das klingt interessant, also bin ich mal vorbeigeschneit.

Die Community ‘De Bereklauw’ - ein verrückter Ort

Die Anschrift findet sich schnell heraus. “De Bereklauw” hat eine eigene Website und wird sogar bei Google Maps gelistet. Direkt an einer Autobahnabfahrt gelegen, ist es auch sehr gut zu erreichen. Die Autobahn führt nach Brüssel, ist somit immer viel befahren. Direkt neben dem Community-Gelände grenzt eine moderne Lebensmittelfabrik. Trotzdem habe ich das Gefühl, in eine andere Welt abzutauchen, als ich die Bärenfigur mit Augenbinde passiere.

Als ich ins Gelände einfahre, erwartet mich schon Nozomi, ein guter Freund meinerseits, der seit mehreren Jahren überwiegend in der Community lebt. Wir haben uns seit einigen Monaten nicht mehr gesehen, also gibt’s viel zu erzählen. Ich bin aber doch zu neugierig, mehr vom Gelände zu sehen, auch wenn es bereits dunkel ist.

De Bereklauw: Community - Eingang

Die begrüßenden Vogel-Statuen am Eingang

Campervans auf dem Parkplatz in De Bereklauw

Eddie und seine Freunde auf dem Parkplatz

Mercedes Benz Düdo 508

Nozomis 508, den er seit mehr als einem Jahr auf Vordermann bringt

Und sobald ich den Parkplatz verlasse, komme ich aus dem Staunen kaum mehr raus: Wir laufen durch schmale Gänge, links und rechts von uns sind Sachen mehrere Meter hoch geschlichtet. Überall scheint Kram herumzustehen. In der Dunkelheit erkenne ich kaum etwas - umso gespannter bin ich nun, das Ganze am nächsten Morgen im Hellen zu sehen. Ich ahne Großes.

Und tatsächlich: Was sich mir am nächsten Tag offenbart, macht mich sprachlos. Ich finde kaum bessere Worte, als plump zu sagen: Überall stehen Sachen. Aber so ist es: Wo auch immer ich hingehe, es finden sich dort die verschiedensten Dinge. Von unzählig Türrahmen und Leisten, über alte Gasflaschen, Einkaufswagen und Statuen bis hin zu Fahrzeugen, Reifen und Maschinen. Mein Kopf kann die ganzen Eindrücke gar nicht verarbeiten, aber ich fühle mich wohl. Dieser Ort hat etwas Magisches - ich fühle mich wie ein kleines Kind auf Entdeckungstour.

Gelagerte Baumaterialien, wohin das Auge reicht

Holz & Metall in jeglicher Form - davon gibt's hier mehr als genug

Wohnmobil und Kleingarten in der freien Community

Alter Oldtimer und viel Schrott in De Bereklauw

Unter dem ganzen Schrott verbergen sich allerhand Schätze

Nozomi wird mir später erklären, dass Gosse, der Gründer der Community, viel Wert auf Recycling legt. Als ich auf verschiedene verrostete Metallstücke zeige und etwas höhnisch frage, wofür dieser Schrott noch zu gebrauchen sei, entgegnet Nozomi: “Ach, es findet sich immer etwas. Du glaubst nicht, was die Leute hier manchmal bauen.” In den wenigen Tagen, die ich hier verbringe, erlebe ich das selbst mit. Immer wieder blitzt die Metall-Werkstatt vom Schweißen auf, immer wieder vernehme ich die Geräusche der Säge aus dem Holz-Workshop, selbst auf dem Parkplatz wird weiter an den Fahrzeugen geschraubt. Es gibt anscheinend immer etwas zu tun.

Metall-Werkstatt in der Community De Bereklauw

Eine der Werkstätten in De Bereklauw

Eine Community ohne Struktur, Regeln & Voraussetzungen

Was mich besonders interessiert: Wie ist das Leben hier strukturiert? Wie frei sind die Menschen hier wirklich? Und wie frei ist die Community selbst?

Die meisten Fragen beantwortet mir Nozomi, über die Tage hinweg spreche ich aber auch mit anderen. Das Bild, das mir vermittelt wird, deckt sich recht gut mit dem, wie ich das Community-Leben selbst wahrnehme: In der Tat gibt es praktisch keine Regeln oder festen Strukturen.

Natürlich wird von gesundem Menschenverstand ausgegangen - Gewalt jeglicher Art ist also ein No-go. Jeder begegnet sich mit Respekt und lässt dem jeden seine Freiheit. Manche engagieren sich jeden Tag am Gemeinschaftsleben, hacken Holz, kochen oder kümmern sich um die Gemeinschaftsräume. Andere sieht man eher sporadisch bis gar nicht, wieder andere kommen nur alle paar Tage oder Wochen überhaupt vorbei.

Anscheinend kann hier jeder kommen und gehen, wie er will. Im Moment lebten hier mehr als 30 Leute, im Sommer seien es oft deutlich mehr. Auch dass ich kommen würde, war vorher nicht angekündigt. Trotzdem werde ich sofort als selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft integriert. Nozomi stellt mich kurz bei Gosse vor, als wir ihm begegnen. Aber auch dieser wird mir in den folgenden Tagen keine Aufgaben oder Einschränkungen auflegen. Meine Hilfe wird immer dankend angenommen, jedoch nie erwartet.

Alter Pflasterweg der Römer

Der alte Pflasterweg stammt noch aus römischer Zeit

… und doch funktioniert anscheinend alles in De Bereklauw

Der Name “Gosse” fällt übrigens in den meisten Gesprächen immer wieder. Er ist der Grundbesitzer, und hat vor über 30 Jahren die Community ins Leben gerufen. Er war damit ein Pionier im belgischen Raum, und bis heute wurden viele Communitys in Belgien nach dem Vorbild von “De Bereklauw” (zu Dt. “die Bärenklaue”) kreiert. Mittlerweile ist Gosse über 60, und doch sehe ich ihn immer wieder in der Werkstatt. Nebenbei trifft er wichtige Entscheidungen, die verhältnismäßig selten anstehen.

Tatsächlich geht das allermeiste hier anscheinend wie von Geisterhand seinen Gang: Über die Jahrzehnte wurden so viele Projekte ins Leben gerufen und so viele Kooperationen mit Gemeinden, Firmen und anderen Communities geschlossen, dass selbst Nozomi keinen vollen Überblick mehr hat. Er erzählt mir beispielsweise davon, dass sie jeden Tag die Tonnen vom nahegelegenen Carrefour-Markt bekommen - sich also um deren Biomüll-Entsorgung kümmern, im Gegenzug von den spendierten Lebensmitteln die gesamte Community ernähren. Was der Mensch nicht mehr essen kann, bekommen die Tiere. Zu essen gäbe es immer mehr als genug, meint Nozomi. Lebensmittel einkaufen mussten sie schon lange nicht mehr.

Gemüse und Obst in der Speisekammer

Die Speisekammer in De Bereklauw ist immer gefüllt

Ein Community-Wohnhaus in De Bereklauw

Eines der gemeinschaftlich genutzten Wohnhäuser

Achja, á propos Tiere: Auf allen Wegen und Orten finden sich Hühner, Enten und Tauben, es gibt ein Ziegengehege und ein Schwein. In der Stube teilen sich Katzen mit Hunden die Stühle. “Genutzt” werden die Tiere jedoch kaum - manchmal verkaufe man ein paar Hühner, aber im Großen und Ganzen lieben die Zwei- und Vierbeiner hier einfach vor sich hin. So wie anscheinend auch die meisten Menschen vor Ort.

Hühner in De Bereklauw

Eines der Hühner-Gehege

Ziegen-Gehege in der Gemeinschaft

Klar, die Zeit tickt hier etwas langsamer. Bis etwas erledigt ist, muss erstmal das passende Material und Werkzeug in dem ganzen Chaos gefunden werden - und dann werden Arbeiten auch immer mit einem Hauch von Lässigkeit angegangen. Trotzdem funktioniert alles. Zwar wirkt das ganze Gelände wie ein reinstes Chaos, aber irgendwie scheint doch alles seinen Platz zu haben und zu kennen. Es wird mehrfach täglich zusammen gekocht und gegessen, und zu jeder Zeit finden sich nette Gesprächspartner und Musiker in den Gemeinschaftsräumen. Es ist immer was los, und doch gibt es immer genug Plat zum Zurückziehen.

Sicher, ich habe in den fünf Tagen nur in einen Blick in das Community-Leben in “De Bereklauw” erhascht. Im Sommer und bei längeren Aufenthalten eröffnen sich bestimmt noch viele neue Aspekte des alltäglichen Wahnsinns, der hier so vor sich geht. Ich habe Lust, noch mehr davon zu erleben, und werde sicher wiederkommen, wenn ich in der Nähe bin.

Eddie, der 407 Düdo, und der Bär von De Bereklauw

Ein Abschiedsfoto mit dem Bären - wir sehen uns gewiss wieder!

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